Superman, die Spinne und das andere Ungeziefer Batman waren gestern. Ab sofort heisst meine neue Superheldin Maud alias Bladewoman. Fast könnte ich bei diesem Anblick in Versuchung geraten, mir aus dem Foto einen Starschnitt basteln zu wollen.

Superman, die Spinne und das andere Ungeziefer Batman waren gestern. Ab sofort heisst meine neue Superheldin Maud alias Bladewoman. Fast könnte ich bei diesem Anblick in Versuchung geraten, mir aus dem Foto einen Starschnitt basteln zu wollen.

„Dreitausend Zeichen über das Lokal. Inhaltlich das übliche, Mix aus Hintergrund- und Erlebnisstory. Quetsch den Barmann aus und falls er blöd fragt, dann bist du freie Journalistin. Alles klar? Ach, und vergiss die Fotos nicht.“
Ich bejahe, gleichzeitig schüttle ich aber den Kopf aufs heftigste, innerlich zumindest. Nix ist klar. Ich habe das doch noch nie gemacht und im Lügen war ich schon immer eine Klasse für mich, eine ziemlich miese. Freie Journalistin… das Schreib-Coaching habe ich mir einfacher vorgestellt. Immerhin werde ich neben einer Lachnummer auch gleich die Schlagzeile des Tages liefern: Und es gibt ihn doch! Barkeeper von Nase erschlagen – Pinocchio flüchtig!
…ja, ich habe gemogelt. Offen zugegeben war es zwischenzeitlich sogar eine mutwillige hinters Lichtführung der Mut-proben-Leser. Die Fotos im letzten Beitrag stammen nicht aus dem Basiskurs 1. Zu meiner Verteidigung kann ich nur hervorbringen, dass alles irgendwie so schnell ging. Als ich mit meiner Theorie vom Mutigsein online ging, war ich mir dessen noch nicht bewusst, doch jetzt habe ich die Gewissheit – diese verdammten Mutproben machen süchtig. Was einmal aus der reinen Not heraus entstanden ist, macht auf einmal Spass und als wäre das allein nicht schön genug, kann man plötzlich auch kaum mehr ohne diese ständigen kleinen Tests sein. Immerzu juckt es im Hintern.
So verbrachte ich das letzte Wochenende wieder auf wilden Wasser, im Basiskurs 2. Ich reiste extra bewaffnet mit meiner Kamera an, um dieses Mal auch die entsprechenden Beweisfotos zu schiessen. So gedacht, so getan.
Der Zielkonflikt liess dann aber gar nicht lange auf sich warten. Der Blog stand erst mitten in den Abenteuern vom Basiskurs 1, während sich auf meiner Festplatte bereits wunderbare Filmchen und Fotos des B2-Kurses befanden. Was also tun? Meine neusten Errungenschaften einstellen und B1 unter- bzw. gar abbrechen oder aber B1 schön brav zu Ende führen und danach die B2 Erlebnisse inkl. Fotos posten? Ich fand beide Alternativen unbefriedigend und dann war’s eigentlich auch schon passiert. Mit B2-Fotos gespickte B1-Abenteuer tauchten auf Mut-proben auf.
Dem Laufstallgitter Laaxersee nach einem Tag bereits entwachsen, werden wir am folgenden Morgen zum ersten Mal auf den Fluss losgelassen. Vorfreude macht sich breit, die Stimmung im Bus ist ausgezeichnet. Unser Ziel ist das Flussstück oberhalb Illanz. Dort herrschen ideale Anfängerverhältnisse – will heissen: WENIG Wasser.
Mehr auf dem Hosenboden, als auf den Beinen und mit dem 20 kg schweren Kajak auf den Schultern rutsche ich zwischen Dickicht und Bäumen die steile Böschung hinunter. In den kommenden Tagen werde ich mich noch wundern, wie und vor allem wo hindurch man ein Kanu überall buckeln kann. Da ist er nun also, der Einstieg. Ich sehe hinaus auf das Wasser und lasse mit einem leeren Schlucken mein Kanu zu Boden sinken. Bei allem Respekt, aber unter wenig Strömung verstehe ich etwas ganz anderes. Bevor ich jedoch einen Kommentar dazu machen kann, erinnere ich mich daran, dass meine Mission ja bekanntlich irgendetwas mit Mut zu tun hat. Ich halte den Mund . Der Guide erklärt uns die wichtigsten Paddlerzeichen und was beim Kajakfahren auf Wildwasser sonst noch unbedingt eingehalten werden muss. Die Sicherheit steht an allererster Stelle. Wie schon im Vorfeld vermutet, sollen wir etwa keine Bäume und Steine ansteuern, beim Kentern das Boot und Paddel festhalten, nur mit den Beinen voraus schwimmen und geht einer baden, müssen alle anderen sofort ins sichere Kehrwasser zurückfahren etc. Leicht eingeschüchtert wassern wir ein. Der Guide zeigt uns, wie es geht. Wie auf Schienen traversiert er ganz locker hinaus in die Strömung, verweilt dort ein bisschen und kommt danach genau so sicher wieder ans Ufer zurück. Sieht ganz easy aus, ist aber richtig schwierig, wie wir umgehend feststellen. Einer nach dem anderen versuchen wir Kursteilnehmer etwas halbwegs Ähnliches hinzubekommen. Bei unserem Profi sah es aber irgendwie schon ganz anders aus. Wir üben den halben Tag auf der Stelle und können es am Ende zwar noch immer nicht richtig, aber die ersten Erfolge werden sichtbar. Nach der verdienten Mittagspause geht es unerbittlich auf, in die zweite Runde. Kajak fahren zu lernen, ist momentan richtige Arbeit und wirklich anstrengend. Zwei Stunden später zeigt der Guide endlich Erbarmen, er erlöstuns. Nicht, dass er wirklich schon zufrieden mit seinen Schülern wäre, aber auch er sieht die Kräfte schwinden und schliesslich dauert der Kurs noch immerhin 3 Tage. So verlassen wir den Übungsplatz und fahren sozusagen als Belohnung für die ganze Mühe eng geführt wie eine kleine Entenfamilie den Fluss hinunter Richtung Illanz. Als wir am Ausstieg ankommen und müde aus unseren Booten klettern, zuckt der erste Blitz am Himmel. Es ist, als würde auch er dort oben damit sagen wollen: “Für heute reicht’s.”
Nach einem kühlen Bier in der Basis und mit dem Versprechen in der Tasche , dass es am nächsten Tag definitiv „wilder“ werden wird, krieche ich in mein Bett . Es schaukelt noch etwas, dann falle ich ins Koma.

Theorie mit Kajak-Joe

Na, wo ist sie denn, meine kleine Welle?

Yeah, here we go!
Die Alpträume der letzten Nächte haben sich als völlig unbegründet herausgestellt, vorerst jedenfalls. Tag 1 des Basiskurses verbringen wir (4 Jungs, der Guide und ich) nämlich zwecks Einführung in den Kanusport auf dem Laaxersee, ähm –tümpel. Insofern macht meine Grübelei über die Verhältnismässigkeit zwischen Zürichsee und Vorderrhein jetzt erst recht keinen Sinn mehr. Um dieses für die Nerven ungesunde Thema weiter zu vertiefen, bleibt aber auch gar keine Zeit. Vorerst bin ich nämlich voll damit beschäftigt, mich in den Neopren und die Spritzjacke zu zwängen, das Kajak einzustellen und den Instruktionen des Guides zu folgen. Wirklich suspekt finde ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur die Frage, wie ich bei allfälligem Kentern, aus dem Boot herauskommen soll, denn ich schaffe es nicht einmal an Land die Spritzdecke alleine über die Kajaköffnung zu ploppen, geschweige denn, sie wieder wegzuzerren. Aber gut, der Guide hilft mit, lächelt ermutigend und meint, das müsse genau so sein. Also steige ich ins Kajak, installiere mich und stosse schliesslich vom Ufer ab. Wackelig gleite ich auf den See hinaus. Wir üben uns in lockerem Paddeln, damit wir mit dem neuen Untersatz vertraut werden, wie es heisst. Fühlt sich richtig gut an und ist auch gar nicht schwierig. Etwas kibbelig vielleicht, aber… Wusch! Mein Kajak verkantet sich beim ersten unkonzentrierten Paddelmanöver. Mit aller Kraft versuche ich noch, Gegensteuer zu geben. Vergeblich, ich kippe. Kopfüber im Wasser und verkehrt herum am Kanu hängend, erfasst mich die blanke Panik. Die Nase läuft voll, die Orientierung ist im Nullkommanichts dahin. Ich zapple reflexartig, doch ich komme nicht aus diesem blöden Boot hinaus. Die Spritzdecke hält wirklich, was sie versprochen hat. Sie hält und hält und hält. Mit grösster Anstrengung schaffe ich es schliesslich trotz festgezurrtem Körper mit dem Kopf kurz an die Wasseroberfläche zu kommen und ein wenig Luft zu schnappen, bloss um gleich wieder abzutauchen. Dasselbe wiederhole ich dann noch ungefähr drei Mal, weil es so viel Spass macht. Nach einer gefühlten Ewigkeit löst sich endlich die verdammte Spritzdecke. Ich purzel aus dem Kanu. Ich schwimme. Ich tauche auf. Ich atme. Ich lebe.
Wie man mir später erklärt, hätte ich bei meiner nicht ganz freiwilligen, dafür sehr beeindruckenden Einlage beinahe die Eskimorolle geschafft – aus diesem Grund hat man im Übrigen auch darauf verzichtet, mich zu retten -, was eine absolute Sensation gewesen wäre. Wäre.
Ich habe die AGB’s gelesen und nehme hiermit am Wildwasserkajak-Basiskurs teil. Der entsprechende Knopf auf dem Bildschirm war längst angeklickt und die Bestätigungsemail des Veranstalters wahrscheinlich bereits in meiner Inbox, als ich anfing mir zu überlegen, was der AGB-Punkt: Kanufahren ist eine Outdoorsportart und birgt ein gewisses Restrisiko, welches auch mit der besten Aus- und Weiterbildung nicht voll abgedeckt werden kann, genau meinte. Mit der freundlichen Unterstützung meines Langzeitgedächtnisses, dass jetzt ungefragt sämtliche Erinnerungen an die diversen Wildwasserunglücke der Vergangenheit ausspuckte, stellten sich zum ersten Mal leichte Zweifel darüber ein, ob es wirklich eine meiner besseren Ideen gewesen war, das Kajakfahren auf dem gefürchteten Vorderrhein zu erlernen. Auf dem ruhigen Zürichsee hätte man sich als totale Nicht-Kanufahrerin in aller Ruhe darauf konzentrieren können, dass das Boot geradeaus fährt und nicht kentert. Stattdessen würde ich nun zusehen, dass das Kajak nicht kentert, während es von der Strömung talwärts mitgerissen wird. Ich würde gefährlichem Schwemmholz ausweichen, mich von Felsen, und allen anderen Todesgefahren versuchen fernzuhalten, um nebenbei ganz relaxed das Paddeln zu lernen. Die reinste Spazierfahrt. Ich möchte jetzt gerne einen Schnaps.
Fest entschlossen bis zum Äussersten zu gehen, steht sie vor ihrer schwierigsten Prüfung. Sie hat das Gefühl ihr pochendes Herz sässe direkt hinter den Schläfen. In kräftigen Druckwellen wird das Blut durch ihren ganzen Körper bis hinauf in den Kopf gepumpt. Ein gewaltiger Energieschub durchfährt sie. Dann mit einem Mal wird sie ganz ruhig. Die Nebengeräusche verstummen und der Winkel ihres Blickes verengt sich so sehr, bis alle unwichtigen Faktoren komplett ausgeblendet sind. Die Angst vor dem Versagen ist weg, die quälenden Zweifel, ob sie es schaffen wird, verstummt. Sie tut, was sie tun muss.
„Den Mutigen gehört die Welt“ ist nicht bloss eine salopp dahergesagte Floskel. Keine andere Tugend fasziniert und bewegt die Menschen mehr als das Mutigsein. Der Held, der keine Gefahr scheut und sich Notfalls sogar unter Einsatz seines Lebens einem übergeordneten Ziel verschreibt, hat in allen Zeiten und Kulturen höchsten Respekt und Annerkennung genossen. Die Bewunderung für den Furchtlosen dauert bis in die Gegenwart an, auch wenn der moderne Held heute lieber ins Mikrofon ruft: „Yes, we can!“ oder auf sportlicher Ebene sämtliche Weltrekorde zu egalisieren versucht, als dass er mit Steinschleudern herumhantiert. Doch hat er im Laufe der Epochen auch seine Gestalt verändert, so bleibt sein Archetyp, welcher tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankert ist, stets derselbe. Der Held wird überall und zu jeder Zeit als solcher erkannt und geachtet.
Doch was genau unterscheidet den kühnen vom ängstlichen Menschen? Ist die Geburt eines Helden mit seinem ersten Atemzug eine besiegelte Sache oder kann sie später z.B. durch äussere Umstände eingeleitet werden? Braucht man, um mutig zu sein, gewisse Grundvoraussetzungen oder steckt prinzipiell sogar im grössten Angsthasen das entsprechende Potenzial? Natürlich scheiden sich die Geister bei der Beantwortung dieser Fragen genauso wie die Meinungen bei Diskussionen über Zufall und Schicksal auseinandergehen.
Dieser Blog ist so verwegen zu behaupten, dass Mut in jedem Fall „geprobt“; sprich angeeignet werden kann. Superhelden wie Batman und Co. fallen – so oder anders betrachtet – schliesslich auch nicht vom Himmel. Irgendwann und irgendwo haben selbst diese unglaublichen Kerle ihr Business gelernt und geprobt. Um den Beweis anzutreten, dass sich auch normal Sterbliche zu furchtlosen Energiebündeln entwickeln können, schickt Mut-proben seine Autorin – ihres Zeichen Stadtmensch, unauffällige Büroangestellte und Hasenfuss – hinaus in die Welt, um sich im Mutigsein zu üben.